"Wir haben keine zweite Chance"

Die Sahara in Berlin, Land unter in Merkels Wahlkreis? Es gibt eine Chance, die Klimakatastrophe zu verhindern, sagt Reinhard Bütikofer. Im Interview spricht der Grünen-Chef über energiesparende Geräte, Umweltschutz in China und eine CO2-freie Wirtschaft.

SPIEGEL ONLINE: Herr Bütikofer, der Uno-Klimabericht zeichnet ein düsteres Bild: Eine Temperaturerwärmung bis 2100 um bis zu 6,4 Grad, der Meeresspiegel könnte um einen halben Meter steigen. Worauf müssen sich die Deutschen einstellen, um ihren Teil zur Dämpfung des Klimawandels beizutragen?

Reinhard Bütikofer: Zunächst braucht es einen grundlegenden Bewusstseinswandel, denn wir stehen vor einer Herausforderung wie sie die Menschheit noch nicht gesehen hat. Wir haben nur zehn bis 15 Jahre Zeit - und keine zweite Chance. Ein Umdenken in allen Bereichen ist nötig: Es kann, um auf die jüngste Debatte zurückzukommen, nicht akzeptiert werden, dass die Automobilindustrie mit anachronistischen Argumentationen dafür eintritt, dass Automobilverkehr auch in Zukunft wesentlich mehr CO2-Emissionen verursacht, als tolerabel ist. Wir brauchen verbindliche Grenzwerte für die CO2-Belastung und die Energieeffizienz.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet das im Alltag für jeden Deutschen?

Bütikofer: Eine doppelte Botschaft an die Bürger ist wichtig. Erstens: Wenn nicht ambitionierter Klimaschutz betrieben wird, dann kommt der Horror. Zweitens: Deutschland hat bei ambitioniertem Klimaschutz etwas zu gewinnen. Wir dürfen uns nicht einreden lassen, dass wir zur Katastrophe verdammt sind. Der Klimawandel kommt, aber er ist eingrenzbar. Die Engergiewirtschaft darf nicht weiter Kohlekraftwerke bauen, solange die CO2-Abscheidungstechnik nicht funktioniert. Beim Emissionshandel darf Kohle gegenüber anderen Energieträgern nicht privilegiert werden. Die Elektroindustrie muss effizientere Geräte anbieten, zum Beispiel Standby-Schaltungen, die nur noch maximal ein Watt verbrauchen. Wir brauchen einen wirksamen Wettbewerb um die energieeffizientesten Elektrogeräte. Aus Japan sollten wir daher die Regelung übernehmen, dass nach einer bestimmter Anzahl von Jahren für alle Anbieter eines bestimmten Produktes das energieeffizienteste Modell als Standard vorschrieben wird.

SPIEGEL ONLINE: Das sind wirtschaftliche Standards. Was muss sich im privaten Bereich ändern?

Bütikofer: Auch da brauchen wir neue Standards - etwa in der Wärmedämmung von Häusern. Häufig sind Privathaushalte der Bereich, in dem am meisten Energie eingespart werden kann. Und wenn wir uns mit auf diesen Weg begeben, entstehen neue Produkte, die auch in anderen Ländern nachgefragt werden - damit neue Dienstleistungen und damit auch Jobs. Es ist anders als die Automobilindustrie uns einreden will: Nicht der, der sich auf Klimaschutz einlässt, gefährdet die Arbeitsplätze, sondern der, der Klimaschutz verhindert macht sich zum Totengräber der Wirtschaft.

SPIEGEL ONLINE: Die Grünen haben auf ihrem Parteitag beschlossen sich vom Katastrophismus alter Tage zu distanzieren. Der Uno-Bericht aber zeichnet genau dieses Katastrophenszenario. War die Abkehr der Grünen vom Umwelt-Radikalismus ein Fehler?

Bütikofer: Ich bitte Sie! Unsere Botschaft war doch nicht "nehmen wir es mal locker" - sondern wir treten für einen radikalen Realismus ein, der den Gefahren ins Auge blickt und entschieden handelt. Wer angesichts dessen, was man heute weiß, nicht so handelt, der hat keine Vorstellungskraft oder kein Gewissen. Wir als Grüne sind diejenigen, die diese notwendigen Veränderungen voran treiben. Energie- und Klimapolitik ist nicht nur 2007 das zentrale Thema, sondern in der ganzen vor uns liegenden Reformdekade.

SPIEGEL ONLINE: Wo ist denn jetzt das Bindeglied zwischen dem Uno-Bericht und grüner Politik? Glauben Sie ernsthaft, dass der, der durch den Klimabericht schockiert ist, morgen einen Parteiantrag stellt?

Bütikofer: Ich will schon mehr grünen Einfluss um bessere Klimapolitik durchzusetzen. Aber ich mache doch Klimapolitik nicht wegen der Wahlprozente. Wenn wir zehn Prozent mehr haben und die anderen nicht davon überzeugt werden können, dass Überlebensfragen nicht mit Überlebensphrasen zu beantworten sind, bringt es nichts. Mir kommt es auf ein Bündnis der ökologischen Erneuerer an. Wir müssen global noch viel energischer kooperieren um die drohende Katastrophe zu verhindern - damit wir nicht bald eine neue "Arche Noah" bauen müssen. Denn wenn es so weiter geht wie bisher, wird es in einigen Jahrzehnten im Wahlkreis von Frau Merkel an der Ostsee nur noch um die Frage gehen, ob man dort Steppe vorfindet oder Land unter ist. Der alte anachronistische Streit zwischen den Lobbys mit der Denkweise von gestern gegen ökologische Innovation muss ein Ende haben.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben Präsident Bush als "Öko-Reaktionär" bezeichnet. Aber Bush wird nicht ewig Präsident sein, in den USA gibt es immerhin einen Diskurs und die Demokraten machen sich für Klimaschutz stark. Aber wie soll man in einem Land wie China mit Umweltkonzepten durchkommen?

Bütikofer: Es stimmt, dass in den USA eine mächtige Diskussion in Gang kommt, übrigens auch unter Republikanern wie dem kalifornischen Gouverneur Schwarzenegger. Hinzu kommt, dass wichtige Firmen wie General Electric oder Walmart anfangen, sich wirklich zu bewegen. Ich setze große Hoffnungen da hinein, dass die Blockaden, die die Bush-Regierung jahrelang organisiert hat, dem nicht mehr Stand halten können und dass der nächste amerikanische Präsident, egal von welcher Partei, eine andere Politik wird machen müssen. Was China betrifft, ist Herablassung nicht angesagt. Wir sollten eine Kooperationsstrategie mit Schwellenländern wie China, Indien, Brasilien finden, die ihnen ökologische Entwicklungsalternativen erleichtert. Ich fürchte, dass der Mangel an Demokratie und Freiheit in China eine zusätzliche Hürde darstellt: Mit zentralistischem Zugriff sind die Probleme nicht in den Griff zu kriegen. Auf der anderen Seite ist es unübersehbar, dass das ökologische Bewusstsein auch dort in Quantensprüngen wächst. Noch vor fünf Jahren hieß es in China "wachsen um jeden Preis". Inzwischen wissen viele, dass dieser Weg verhängnisvoll ist.

SPIEGEL ONLINE: Die Autoren hoffen, mit der Uno-Studie die Politik und Wirtschaft wachzurütteln. Wird ihnen das gelingen?

Bütikofer: Ich bin optimistisch. Es ist aber entscheidend, dass sich nicht verhängnisvoller Fatalismus ausbreitet. Wir dürfen nicht zulassen, dass diejenigen, die bis gestern gesagt haben, es gibt keinen Klimawandel heute sagen: Da kann man nichts machen und deshalb können wir gleich weiter machen wie bislang. Die CO2-freie Wirtschaft ist keine Utopie. Es ist zu verhindern, dass in 100 Jahren die Sahara bis Berlin reicht oder London, Hamburg und der Großteil von Holland vom Meer bedeckt werden.

Das Interview führte Anna Reimann. Quelle: Spiegel online